Bahnhofshalle Berlin

Während die gähnendste Langweile sich breitmacht, vertreibt man sich hier die Zeit gerne damit festzustellen, was Berlin angeblich alles ist (kreativ, abenteuerlich, …). So auch ich: Berlin ist offensichtlich eine einzige große schummrige Bahnhofshalle.

Es kommt mir vor als wäre die Freizeit und also die Langeweile heute das wirkliche revolutionäre und konterrevolutionäre Problem. La vache qui rit hat diese Woche von einer Umfrage berichtet derzufolge 75 Prozent der Deutschen sich den Sozialismus gefallen lassen würden, wenn sie dann „Arbeit, Solidarität und Sicherheit“ bekämen. Er deutet das als Zivilisationsmüdigkeit und Sehnsucht nach Arbeit und Ruhe, nach Aufgehen im „solidarischen“ Kollektiv. Stimmt auch. Man hat das Bedürfniss, die genannte Langeweile nochmals weiter zu steigern und den individuellen Handlungsspielraum noch weiter zu verkleinern. Es ist den Leuten noch nicht ruhig genug! Sie wollen sich im familiären Rahmen bewegen oder halt größeren gemeinschaftlichen Kollektiven. Sie können die Freizeit und allein die Möglichkeit außergewöhnlicher Begegnungen nicht ertragen.

Dementgegen kann man eigentlich die regelrechte Bewegtheit der Bahnhofshallen und ihre „sonore Stimmung“ von der die Lettristen sprachen, nur verteidigen, so schwer das auch fällt, so hässlich sie auch sind.


3 Antworten auf „Bahnhofshalle Berlin“


  1. 1 Gleisdurchsage 19. März 2010 um 18:21 Uhr

    Vielleicht können die Leute auch nur einfach die Unsicherheit kapitalistischer Verhältnisse nicht ertragen und würden sich deshalb so einen „Sozialismus“ gefallen lassen? Ich weiß, das mag manchem Studenten als Nebenwiderspruch erscheinen ;-)

  2. 2 sprengt_den_berliner_hbh 20. März 2010 um 5:15 Uhr

    die langeweile der bahnhofshallen heute ist die langeweile der zu shoppingzonen gewordenen bahnhöfe, die alten hallen boten den ankommenden und den weiterfahrenden immerhin einen ort der orientierung und der ruhe. wenn diese hallen langweilig oder heruntergekommen waren, dann, weil die stadt vor der tür nichts bot oder die hallen der einzige unterschlupf für schräge gestalten waren, für die draussen kein platz war. die leere kann nur jemand schätzen, der ein ziel hat oder dort gerade angekommen ist. die leere dort heute ist die sinnlosigkeit der unendlichen verbreitung standardisierter warenangebote im labyrinth der einkaufszonen. die treibende kraft ist hierzulande die deutsche bahn und ihre planungen zur kommerzialisierung der bahnhöfe.
    nur eine randnotiz? ich glaube nicht. diese hier zitierte sehnsucht nach sicherheit und geringe wertschätzung der freiheit entsteht doch erst durch die fehlenden erfahrungen eigenener möglichkeiten und der konfrontation mit der austauschbarkeit der warenwelt. das gegenteil der zwangskollektivierung ist die erweiterung öffentlicher räume um eigene ausdrucksmöglichkeiten. ganz praktisch. was bleibt an räumen, die von der totalen ökonomisierung noch nicht verödet worden sind? das internet zum beispiel!

  3. 3 Administrator 22. März 2010 um 12:48 Uhr

    @Gleisdurchsage: Das ist ein wichtiges Problem. Allerdings ließe sich diese Unsicherheit nur durch eine bewusste Planung der Produktion beseitigen, durch eine Aufhebung der fetischistischen Verhältnisse. Allerdings sind diese Prosozialisten selbstverständlich zu blöd, das zu begreifen.

    @sprengt_den_berliner_hbh: Ja das stimmt sicher. Man könnte das die Flughafisierung der Bahnhöfe nennen. Vielleicht ist das auch ein Ziel der Bahn auch in diesem Bereich mit den Billigflügen zu konkurrieren. Mich stört an den neuen DB-Bahnhöfen allerdings eher der schlechte Stil.

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