Für assoziationistische Sessions

Ein Manifest von 38317, unterstützt von K’s Kriegstheater.

Die „Welt der Jamsessions“ ist zu Rampengaga und billigen Gigs
degeneriert und befindet sich offenbar im Regress. Weder der Rückgriff
auf das Gute Alte Handgemachte Akustische noch das „Wollt Ihr den
totalen Krach?“ helfen weiter. Dabei liegen nicht nur online alle
Möglichkeiten vor uns, auf die Geschichte der Musik und ihren Fundus
zuzugreifen. Darum muss – auch wenn es utopisch klingt – für
assoziationistische Sessions etwas getan werden. Also für das möglichst
freie und reflektierte Zusammenspiel, der Assoziation also. Ohne
Esoterik und Rhizomquark und ohne Free Jazz-Patriarchen. Deshalb:

  1. Abschaffung der Bühnen zugunsten polylogischer
    Gestaltungsräume, ohne falsche Partizipation und ohne Trennung
    in Publikum und Könner, Tänzer und DJs.
  2. Rotation der Aufgaben vor Ort, am Mixer, an der Theke, am
    Eingang, an den Instrumenten, am Licht…
  3. Nutzung aller lokal vorhandener Maschinen, Instrumente und
    Medien ohne tradierten Aufbau und ohne bürokratisch gesteuerte
    Inszenierung.
  4. Kein Set, Kein Line-up, Kein Jam, kein Noise-Control getarnt als
    Soundcheck.
  5. Kritik der Show und des Auftritts, der Band und des Orchesters
    und der Kopie des Stargestus.
  6. Kritik von Musik als Musizieren hin zur spielerischen Erprobung
    audibler Herstellungsweisen.
  7. Zulassen von professioneller Unprofessionalität und Dilettanten
    und Dilettantinnen.
  8. Abwahl der Sozialarbeiter am Mischpult und an der Sicherung.
  9. Freie Motiv- und Klangwahl bei Anerkennung von Geräusch als
    Basis für die Organisation von auditivem Material bei Diskussion
    (auch verbal !) von Stilen, z.B. auch von Krach.

Keine 10. Sinfonie !


13 Antworten auf „Für assoziationistische Sessions“


  1. 1 Cyrano 23. Juli 2010 um 21:48 Uhr

    Frage: es geht hier allein um Jam Sessions, also solche Events denen die (halb)organisierte Unprofessionalität sowieso schon Charaktersitikum ist (womöglich noch in einem Kontext „Rampengaga und billigen Gigs“, den ich so nicht kenne), oder geht es doch um Kunst im allgemeinen?
    Im zweiten Fall klingt hier vieles (wie bereits in vielen Anderen Manifesten zu kollektivistischen Kunst), nach tumber radikalisierung einer interessierten Beliebigkeit, auf die der Markt sowieso drängt. (Obwohl die „Trennung
    in Publikum und Könner, Tänzer und DJs“ in dieser Entwicklung natürlich nicht inbegriffen ist; je zwingender es wäre, diese angesichts des Standes populärer Musik aufzuheben, desto fester wird sie im Begriff des Stars festgeschrieben)
    Aber auch wo es eben ums „jammen“ geht, verlangen viele Punkte mehr als ein Manifest, nähmlich Schulungen und Trainig: z.B.:
    „# Rotation der Aufgaben vor Ort, am Mixer, an der Theke, am
    Eingang, an den Instrumenten, am Licht…
    # Nutzung aller lokal vorhandener Maschinen, Instrumente und
    Medien ohne tradierten Aufbau und ohne bürokratisch gesteuerte
    Inszenierung.“
    Egal wie sehr man „professionelle[] Unprofessionalität und Dilettanten und Dilettantinnen“ zulassen möchte, eine gewisse Fähigkeit gerade beim Abmischen (etwa die dafür zu sorgen, dass Töne überhaupt den Verstärker erreichen) wird ja doch erwartet?
    Vielleicht habe ich das Manifest oder besser dessen genauen Kontext nicht verstanden, aber die Frage, wer fähig ist die Technik zu kontrollieren, habe ich oft als sehr zentral erlebt, wenn es darum ging, einen freieren künstlerischen Umgang zu pflegen.

  2. 2 Matze Schmidt 24. Juli 2010 um 8:33 Uhr

    Auf „Koennen“ muss man erstmal scheissen, denn Koennen ist Wissen und Wissen ein Lernprozess in der Kommunikation. Da dieses Lernen in den Sessions der bekackten Klitschen von Clubs und Konzerthaeusern denen enteignet ist, die da was machen wollen, und du nur als Lehrling dort eintreten kannst „die Technik zu kontrollieren“, ist also Koennen nicht kategorisch abzulehnen, aber der jetzige Stand des Koennen-muessens. „Tumbe Radikalisierung“? Ich glaube nicht, dass „der Markt“ die Buehne abschaffen will – im Gegenteil lebt er mit dem Rueckgang des CD-Verkaufs stark davon. Der Markt ist vor allem keine Veranstaltung, sondern der Umschlagplatz fuer den immer gleichen Soundmuell in der Ueberproduktion. Musik also, die keiner braucht, die aber durchs Formatradio und ueber die Formatsessions in die Ohren foermlich hineingedrueckt wird. Ganze Generationen hoeren aber nicht mehr hin, sondern posen. Die „(halb)organisierte Unprofessionalitaet“ bei Sessions ist der Knackpunkt der Organisation, da gebe ich recht. Darum gehts. In diesem Punkt geht es um soetwas wie Raete, die die Organisation uebernehmen, die ja ohnehin ueberall gebraucht wuerden (in Schulen, in der Fabrik, im Knast, in der Pyschiatrie…). Diese waeren natuerl. in allen Lebensbreichen zunaechst illegal. Um „freieren kuenstlerischen Umgang“ geht es NICHT, denn kuenstlerischer Umgang ist die verkuerzte (buergerliche) Form des generellen Umgangs untereinander. Im Gegenteil, die meinetwegen kuenstlerischen Verfahren muessen befreit werden von der Aesthetik, von der Schoenheit, von ihrer Funktion der Flucht.

  3. 3 Administrator 24. Juli 2010 um 10:42 Uhr

    Ich glaube diese Professionalität bedeutet auch, dass den Spielern nicht wirklich was einfällt. So kann man dann immer in solche Patterns zurückfallen, die man schon tausendmal gespielt hat.

    Was natürlich nur in einem bestimmten Rahmen möglich ist, der deswegen quasi polizeilich von Sozialarbeitern am Mischpult wie Joe/Jay in der C-Base geschützt wird. Alles was den Rahmen gefährdet, wird leise-/abgedreht.

    Garantierte Langeweile.

  4. 4 lol 24. Juli 2010 um 22:31 Uhr

    nur weil man manche musik scheiße findet, muss man sich doch nicht pseudo-kritisch an ein manifest machen, das dann fordert, das die poesie, kunst oder halt hier die musik von allen gemacht wird. noch so viel inbrunst kann ja nicht darüber hinweg täuschen, das das gesagte stumpfe wiederholung und genau besehen sich bloß aufblähende langeweile ist.

    das ganze stützt sich dann auch auf so schwachsinnige behauptungen wie

    „Musik also, die keiner braucht, die aber durchs Formatradio und ueber die Formatsessions in die Ohren foermlich hineingedrueckt wird. Ganze Generationen hoeren aber nicht mehr hin, sondern posen.“

    weil man sich selbst für den besseren sozialarbeiter hält, pöbelt man gegen die die jetzt am mischpult stehen. man weiss das die massen diese musik nicht brauchen, noch nichtmal hinhören und sie ihnen (von wem?) durchs formatradio und über formatsessions „in die ohren foermlich hineingedrueckt“ werden.
    statt ein wort darüber zu verlieren, warum die leute nicht mehr hinhoeren, warum sie posen, warum die musik eben doch besser läuft als die schrott krach den leute machen, die sich für subversiv halten und doch nur ätzende künstler sind, wird direkt zur aktion über gegangen. wer nix kann und nix weiss, schwingt erstmal große reden, denn auf können kann man ja erstmal scheißen, „denn Koennen ist Wissen und Wissen ein Lernprozess in der Kommunikation“.

    das kommunikation die nicht über etwas kommuniziert (das man weiss oder zumindest annehmen muss zu wissen) dummes geplapper ist, daran möchte man lieber keinen gedanken verschwenden.

    und noch etwas: was soll die kollektivität dieser neuen musik denn schaffen? an lautremont müsste man fragen: wie soll in einer welt, in der die poesie vergessen oder zur wohnzimmer aktivität einger bildungsbürger geworden ist, nocht sinnvoll fordern das diese poesie von allen gemacht wird? wie soll man in einer welt, in der ja angeblich keiner mehr hinhört durch bloße kollektivität diesen zustand überwinden, ohne gefahr zu laufen sich daran zu berauschen bloß das eigene ich noch weiter aufzulösen?

    wie soll überhaupt das abwechselnde musizieren dabei helfen die atomisierung zu überwinden? in der trennung vom publikum und band oder orchester, ist zumindest die musik des orchesters oder der band noch kollektive, an der bewusste einzelne mitwirken. wie schwer die trennung auch wiegt, wie autoritär das orchester auch aufgebaut ist, ist es mehr wert als die disko in der man sich berauscht an den plattenspielern abwechselt oder dazu anderen krach fabriziert.

    davon die musik mitten in der großraum disko abzudrehen, in der hoffnung das die menschen bei einer solchen aktion zumindest im gespräch zu einander finden oder eine jam-szession, die eh nur für ein sich selbst in den arsch kriechendes studentenmilieu interessiert, aus einander zu jagen verspricht auf jedenfall mehr freude und abendteuer, als der anempfohlene mist.

  5. 5 Matze Schmidt 25. Juli 2010 um 0:21 Uhr

    Nicht manche Musik, Musik generell ist Scheisse. Warum, das war die Frage von lol (sic!), kann am besten wohl lol selbst soziologisch (?) beantworten? Mit diesem Anpissen jedoch sinkt d. Diskussionsniveau hier… Nur kurz noch: Eine jedwed geartete „neue musik“ kann mit der Ablehnung der Strukturen d. Musikmacherei, deren Basisarbeit die Session ist, nicht angestrebt sein, sondern das Aufzeigen, dass Musik unmoeglich geworden ist, also: sie zu machen und sie zu genieszen. Den Strom in der Grossraumdisko abzudrehen entspraeche dann, dem Supermarkt die Ware zu klauen? Offenbar nicht. Es entspraeche, dem Supermarkt die Ware anarchisch zu vergiften. Es ginge aber darum, den Supermarkt zu nehmen und ihn umzufunktionieren! Nocheinmal: Nicht die Poesie, Kunst oder halt hier die Musik soll von allen gemacht werden. Das gesamte Leben muss gemacht werden — unter anderen Bedingungen als den herrschenden. Also: Waschmaschinen bauen, Kinder versorgen, Ficken, Dinge organisieren, z.B. auch Schallwellen. Alles andere waere verkuerzend. Die Verwechslung assoziationistischer oder assoziationaerer Ansaetze (theoretisch) mit Disko ist grotesk.

  6. 6 Administrator 25. Juli 2010 um 10:35 Uhr

    @Matze: +1 Die „reindrück“-Argumentation finde ich aber auch ungeschickt. Dieser Mechanismus ist in Dialektik der Aufklärung besser begriffen. Das „Von Wen?“ wird dort auch beantwortet als „Wodurch?“: Durch die Art der Produktion, durch die Kulturindustrie. Das Ergebniss steht jedenfalls fest: Das Posen.

    @lol: Die Poesie ist niemals ganz vergessen, sondern nur verdrängt. Aus gutem Grund, weil in dieser brutalen Welt hat man als Poet oder einfach als sensibler Mensch ein schweres Leben. Deswegen meinte ja auch jemand, „die Poesie wiederzuentdecken könnte das selbe sein, wie die Revolution wiederzuentdecken“. Die Sessions könnten höchstens ein kleines Experimentierfeld dafür sein. Und zum Beispiel eine Session die sich auf dieses Manifest bezieht, dass man ja diskutieren kann, dürfte weit eher einem solchen Experimentierfeld sich annähern als eine Session wo sich automatisch die alten Muster wiederherstellen weil niemand sie reflektiert.

    Die Kulturindustrie kann man sicher nicht einfach ablehnen und „aussteigen“, sondern man ist dadurch geprägt (bis auf diese genannten weltfremden Bildungsbürger). Aber in gewissem Maße kann man sogar das, zum Beispiel kommt mir vor, dass immer weniger Leute noch Fernsehen und auch immer weniger Leute Radio hören. Darüber würde ich übrigens gerne mal eine Spiegel-Statistik oder sowas finden.

  7. 7 lol 25. Juli 2010 um 14:17 Uhr

    @admin

    Ob die Poesie noch existiert, darüber wollte ich ja gar keine Aussage machen, dass wäre auch bloß praktisch festzustellen. Das Wort vergessen finde ich trifft es ganz gut: mag sein, dass es sie noch gibt, dass man sie vielleicht hier oder da noch hat, merken kann tut nicht oder kaum. Die die meinen Poesie zu machen, wiederholen bloß den letzten Stand der Dinge, oder fallen sogar hinter ihn zurück. Zumindest ist das meine Beobachtung. Das Wiederholen ist aber passiv, schafft nichts neues, gaukelt Leidenschaft bloß vor und ist insofern ziemlich „antipoetisch“. Wie die meiste Kunst heute halt Werbung von Narzissten für sich selbst und ein Publikum das nichts begreift und doch die ganze Zeit wissend dreinschaut und sich wichtig macht, egal ob es nun in der besseren Galerie zur Eröffnung am Sekt nippt oder sich danach am veganen Buffet entlang schlendert.
    Ob die Poesie verdrängt ist, wäre eine weitergehende Frage, die ich zumindest im Moment nicht beantworten kann. Darüber müsste ich mir halt mal ausführlicher Gedanken machen. Die Verdrängung ist ja ein aktiver Prozess, der (bis zu) einem gewissen Maße das Individuum schützt. Die Poesie müsste tabuisiert sein (was ich für nicht gegeben halte) oder aber dem Bewusstsein zu gefährlich werden, mit einem traumatisch erlebten verbunden sein (was sich, wenn man sie denn mit dem Aufstand verknüpft sicher zeigen ließe). Das müsste man dann zumindest mit bedenken.
    wie gesagt: mag sein das die Poesie im nächsten Aufstand wieder auftaucht, mag auch sein das sie bei genauer Betrachtung im Geschreie und Gepöbel einiger Asozialer oder im betrunkenen Gesäusel eines Obdachlosen ein randständiges Dasein führt. Vielleicht lässt sie sich sogar mit einiger Mühe vor diesem Aufstand entdecken, um diesem „entgegen zu gehen“, Personen oder Gruppen, die sich dem ernsthaft angenommen hätten (und nicht nur das sammeln, was dazu bereits gesagt wurde), sehe ich allerdings nirgends. Vielleicht war so was wie das Magazin ein erster Versuch. Weit über das Alte hinausgegangen ist es aber nicht, auch wenn es im Vergleich zu den sonstigen langweiligen Publikationen ganz erfrischend war. Aber das ist bloß ein Urteil des unmittelbar ersten Eindrucks.

    @matze

    du klammerst dich an einen Fehler, der dann auch zu abwegigen Vergleichen führt und auch insgesamt die Schwäche des Manifestes offenbart:

    Es geht eben nicht darum „den Supermarkt zu nehmen und ihn umzufunktionieren“, denn dann kommt nicht ohne Zufall die wenig schöne Liste „Waschmaschinen bauen, Kinder versorgen, Ficken, Dinge organisieren, z.B. auch Schallwellen.“ heraus.
    Auch wenn das Ficken auf den ersten Blick noch sympathisch klingt, ist es auf den zweiten Blick genau so erbärmlich wie das „Waschmaschinen bauen“, wenn man sich nur vor Augen führt, in welchen miserablen Zustand der Sex bei den meisten ist. Da masturbieren traurige, von einander getrennte Gestalten in einander hinein, nehmen sich ihre Beispiele, ihre Vorstellungen davon was Lust ist auch noch aus irgendwelchen mittelmäßigen Hardcore Pornos in denen zu Fickmaschinen erniedrigte Arbeiter_Innen im Rhythmus der Arbeit in einander stoßen.
    Überhaupt klingt deine Aussicht nach trüben leben irgendwelcher autonomer mit Kind, die ihr Dasein idealisiert in die Zukunft projizieren. Zwischen Elektrogeräte zusammenbasten und reparieren, Kinder versorgen (die interessanterweise in der Liste nur als zu versorgendes Objekt auftauchen), mittelmäßigen Sex und der Notwendigkeit aus der allgemeinen Armut heraus ständig alle Dinge derer man bedarf organisieren zu müssen. Das ist kein Vorwurf, es ist bloß halt schwer gut zu träumen und man sollte es deswegen am besten lassen. Wenn schon nicht ganz (was doch traurig wäre) so doch zumindest nicht, wenn man einen ernsthaften Angriff auf irgendetwas formulieren will.

    In diesem Zusammenhang ist es auch klar warum die darauf kommst, das die Musik auszustellen in der Großraumdisko dasselbe ist, wie die Waren im Supermarkt zu vergiften. Denn die Qualität der Dinge ist dir gar keine Frage, bloß die Trennung der Waren von den Käuferinnen im Supermarkt, und der Musik von den Hörern erscheint dir als Problematisch, die Spaltung in Produzenten (wobei dabei die Grenze zwischen Besitzer_innen und unmittelbar Produzierenden und sonstigen Angestellten die die Zirkulation garantieren verwischt) und Konsumenten.
    Du kannst die Musik in der Disko nicht als das Denken was sie ist: als jenes Element, das die Trennung der Besucher_innen als Party verkauft, der Rhythmus der die Selbstanpreisung im Tanz als Freude verkauft. Deswegen vergiftet man das richtige Produkt, die Musik, indem man sie abschaltet (anstatt die Anwesenden auf sich selbst zurück zu werfen, den Schleier mit dem sich so die Party umgibt herunter zu reißen). So wie dir die Waren in Supermarkt nicht als bloße Schatten von Lebensmitteln die ohnehin zumeist auf die eine oder andere Art zumindest ungesund ist, erscheinen, so erscheint dir auch die Musik nicht qualitativ als etwas schlechtes, sie müsste nur anders gemacht werden.
    Natürlich beteuerst du das Gegenteil: dass die Musik heute niemand brauche, weil „der Markt (…) der Umschlagplatz für den immer gleichen Soundmüll in der Überproduktion“ ist, der den Menschen aufgezwungen wird. Das aber ist nur die billige Konkurrenz des einen Musikers (der natürlich kein Musiker sein will, sondern Revolutionär, weil er sich damit das Label des besonderen ankleben will) gegen den anderen, der die Ware des Konkurrenten immer schon herabwürdigt.
    Denn wenn du deine Aussage selbst ernst nehmen würdest: warum dann kein Wort darüber, wie eine solche Musik inhaltlich gestaltet sein müsste, warum die Abwehr jeder Diskussion über die inhaltliche Gestaltung der Musik mit solchen Sprüchen wie „Auf „Koennen“ muss man erstmal scheissen, denn Koennen ist Wissen und Wissen ein Lernprozess in der Kommunikation“, die man sich in irgendeinem Uni-Seminar eines „postmodernen“ Professors angeeignet hat und „rebellisch“ mit Kraftausdrücken angereichert hat.
    Es geht eben im ganzen Manifest nicht um das WAS, sondern bloß um das WIE.
    Indem das Wie ohne das Was behandelt wird, kann es aber gar nicht als offene Frage behandelt werden, sondern bloß zum aktionistischen Aufbruch taugen. Würde man sich aber einmal Gedanken um das was machen, müsste man feststellen, dass sich die Kunst in diesen Verhältnissen eben nicht, von allen machen lässt. Das sie deswegen als „Experimentierfeld“ mit diesem Anspruch gegen diese Verhältnisse auch gar nichts taugt (über die übrigens als gesellschaftliche kein Wort verloren wird).

    Und natürlich hast du recht „assoziationistische oder assoziationaere Ansaetze“ sind nicht dasselbe, wie eine Disko. Denn in der Disko ist ganz zum Katzenjammer der „Assoziierten“ viel mehr los, die doch von sich sicher sind das Produkt anzubieten, das die Leute „brauchen“ und bei dem es sich dann auch wieder lohnt hinzuhören und das überhaupt so wertvoll für die Massen ist, die „Assoziierten“ nehmen sich auch 10mal so wichtig wie der herkömmliche Diskobesucher, den sie wie den gemeinen Musiker insgeheim verachten.

    Und übrigens: Es ginge aber darum, den Supermarkt zu kritisieren als Materialisierung einer Gesellschaft die nicht für Bedürfnisse produziert, sondern um Kapital zu akkumulieren, seit mindestens 42 Jahren aber entdeckt hat, das sie nur verkaufen kann, wofür ein Bedürfnis existiert und sich deswegen Mühe gibt das die Dinge immer schneller, in größeren Massen und letztlich billiger Produziert werden, damit in Kauf nimmt, das diese immer schlechter schmecken, immer weniger von ihnen lustvoll gebraucht werden können, gleichzeitig aber darauf zu achten, das das was schmeckt wie chinesische Zeitung aussieht wie der Festtagsbraten, der statt am Feiertag nun jeden Tag auf den Tisch kommt. Im Bezug auf den Supermarkt ist es nämlich so: Die Arbeiter_innen fressen scheiße wie eh und je, nur die Scheiße sieht jetzt auf der Verpackung herrlich aus. Dann gibt es natürlich auch noch etwas höherwertige Produkte, die immer noch mittelmäßig sind, etwa die Marmelade für drei Euro, den armen Schweinen aber das Gefühl gibt zu leben wie die Reichen. Gleichzeitig gilt es aber auch nicht zu vergessen, das das schäbbigen Waren der Massenproduktion zumindest den Hunger stillen und dass dahinter zurückzufallen wahrhaft furchtbar wäre. Der Supermarkt kann also weder einfach Übernommen werden, noch einfach zerstört werden. So wie die Fabriken übernommen werden müssen und ihn ihnen trotzdem nicht einfach weiter produziert werden kann (auch nicht „von allen“) und zwar nicht nur wegen der Produkte, sondern auch wegen der Art wie die Arbeiter_Innen in die Maschinerie eingebunden sind, genau so wie weiter produziert werden muss, um nicht bloß Elend zu produzieren. (die letzte Frage ist vielleicht wirklich in Richtung Lucas-Plan zu suchen) Und das ist bloß eine Schwierigkeit. Das aber will man sich ja nicht im Bewusstsein halten, denn damit kann man keine Aufbruchstimmung produzieren, lieber klaubt man sich hier und da ein paar Krumen Theorie zusammen und schreibt ein olles Manifest.

    @admin

    Noch mal als Nachtrag, weil es mir gerade in den Sinn kommt: wenn man ein solches Experimentierfeld schaffen will, müsste man mehr angeben als den Willen zur Kollektivität und die Aufzählung des Inventars. Vor allem müsste man thematisieren warum die Musik in der Welt die Rolle spielt, die sie spielt. Wo das von Matze versucht wurde kam aber nur allgemeines Gerede zur Musik als Ware, die den Menschen die sie nicht bräuchten aufgezwungen wird. Auf die Schwäche der Argumentation hast du mit dem Hinweis auf das Kulturindustrie schon aufmerksam gemacht. Allerdings müsste man sich auch da noch mal die Zeit nehmen, durchzusehen inwieweit sich die Mechanismen nach dem 49 in den USA und in den 60ger und 70ger Jahren in etwa Deutschland geändert haben, da die sich zumindest in Teilen der Bevölkerung Charakterstrukturen verändert haben und sich zusätzlich die Kulturindustrie (Farbfernsehn, Internet, Tragbare CD und MP3 Player, aber auch die Inhalte) verändert hat. Die Überlegungen von Horkheimer und Adorno sind ja nicht nur über 60 Jahre alt, sie sind auch in einem völlig anderen Kontext entstanden.
    Beim Fernsehen finde ich im übrigen das Phänomen des durch die Programme Zappens sehr spannend, nicht nur die Werbung, sondern auch das Programms scheinen die Leute zunehmend zu langweilen, obwohl die Spezialeffeke immer aufregender werden etc., das müsste man sich einmal genauer ansehen.

  8. 8 Matze Schmidt 26. Juli 2010 um 10:37 Uhr

    Die Anfeindungen des post-modernen Professorengelabers prallen an mir ab, das habe ich durch und zwar genau so im Metier, wie Du es beschreibst. Exakt geht es (mir) um das Wie, also der Produktion von Sound, sagen wir Klang, weil dieses Wie das Was bestimmt und den Konsumenten gleich mit. Die Toten der 2010er „Loveparade“ und „Dancing Auschwitz“ (https://www.hna.de/nachrichten/politik/politik-lokal/eine-hommage-leben-851678.html) stehen hier diametral gegenueber. Das erstere zeitigte den Tod des Gebrauchswerts auch noch des letzten Rests der Illusion der Party („Fight for your right to…“) und letzteres zeigt, wie man auf Ware (Disco) zugreifen kann, ohne so zu tun, als haette man sie zerstoert aber mit dem Effekt, ihre befreienden Momente zu reaktivieren. Kollektivitaet ist in assoziationaeren Konzepten nicht zwingend enthalten. Das Assoziationistische ist nicht umsonst eine Begrifflichkeit nicht aus der Psychoanalyse, sondern aus der kognitiven Lern-Psy. Das Manifestoese an dem radikalistischen Textchen mit 1.-9. bzw. -10. Punkten ist ja nur die Oberflaeche, an der man sich gerne aufgeilt – kindisch. Das mit dem Reindruecken des Sound in die Ohren der Arbeiter ist weder Adornitisch noch Marcusekram, es ist fakt. Jeder, der mit Mitfahregelegenheiten faehrt, im Supermarkt oder am Fliessband arbeitet usw. weisz, dass es so ist. Die Kulturindustrie-These hilft da nicht weiter, macht nur die Maus vor der Katze. Und nun doch mal auf der persoenlichen Ebene, die langweilt und verfaelscht, weil eben personalisiert (Dissen ist so oede und bestaetigt meist nur die Positionen): Wenn jemand meint, sie traeume besser, dann soll sies tun und andere Formulierungen nutzen statt blosz zu zerreissen. Anregung: Zu Zappen als Faktor der Flucht vor dem Medium ins Medium hat Hartmut Winkler vor beinah 20 Jahren getippt. Zur Poesie: Er ist der wiederum Begriff, der sich immer mal wieder aufloesenden Buergerschicht ohne echten Besitz, also ohne echten Ateil an der Verfuegung ueber Produktionsmittel, die ihren Anteil wuenscht und das dann poetisch nennt. Uebernimmt man diesen lettristisch, muss man ihn sogleich kritisieren und man wird ihn ablegen muessen, da er die sublimierte Produktivitaet meint (Kunst), die der Kleinbuerger nur im Hobbykeller (ob fuer 350,- oder 35.000,- ist egal) hat.

  9. 9 Matze Schmidt 26. Juli 2010 um 10:45 Uhr

    Zusatz: Warum soll die ‚Liste‘ „Waschmaschinen bauen, Kinder versorgen, Ficken, Dinge organisieren, z.B. auch Schallwellen.“ unschoen sein? Sie bestimmt nur angedeutet den realen Gehalt dessen, was lebens-noetig ist, vor dem man sich _poetisch_ weltfremd aber gerne gerne drueckt.

  10. 10 lol 26. Juli 2010 um 21:34 Uhr

    „Exakt geht es (mir) um das Wie, also der Produktion von Sound, sagen wir Klang, weil dieses Wie das Was bestimmt und den Konsumenten gleich mit.“

    Diesem Punkt sollten wir die Diskussion dann unterbrechen und zu etwas neuem übergehen, denn auch wenn das Wie zum Was gehört lässt sich über kein Wie reden, ohne überhaupt einen, wie dunklen und vagen Begriff auch immer, davon zu haben. Indem du unmittelbar zum Wie überleitest, bleibt das Was unhinterfragt. Dir geht es eben ums aktionistische machen, statt um „praktische“ oder „theoretische“ kritik. das ist mir zu oll.

    Noch ein paar Bemerkungen zum Abschluss:

    „das mit dem Reindruecken des Sound in die Ohren der Arbeiter ist weder Adornitisch noch Marcusekram, es ist fakt. Jeder, der mit Mitfahregelegenheiten faehrt, im Supermarkt oder am Fliessband arbeitet usw. weisz, dass es so ist.“

    jaja Fakt und auch bei der Mitfahrgelegenheit wählt natürlich nicht der Fahrer nicht seine Platte aus, sondern bekommt sie reingedrückt. in der kleinen bis mittleren Schlosserei packt man sich den mp3 player nicht in die mickeymaus um den geräuschen des Alltags und der Langeweile der Arbeit zu entgleiten und damit die Tätigkeit leichter von der Hand geht, sondern weil man gezwungen ist. Verwechsel doch nicht den Feierabend und die Arbeit mit dem Aufenthalt im Supermarkt. Was für eine Bodenständigkeit. Zudem solltest du dich einmal genauer umsehen, die leute bemerken (sowohl im sinn davon, dass ihnen etwas auffällt, als auch das sie etwas dazu „anmerken“ also sage) ziemlich viel von der scheiße die so los ist, die behauptung sie wüsste das aber auch ist ziemlich übertrieben. wenn alle es wüssten, ständen zwischen ihnen und dem ende dieser gesellschaft drei liegengelassene knarren und fünf sozialdemokraten die sich auf die waffen stürzen um in die massen zu schießen. und selbst das könnte man vereilten wenn man im laufe des lebens 2 sozialdemokraten hätte reden hören und wirklich wüsste, was sie sagen.

    „Wenn jemand meint, sie traeume besser, dann soll sies tun und andere Formulierungen nutzen statt blosz zu zerreissen.“

    Der scheiß Contest wär besser träumt (und das noch mit hilfe der miesen fertig bauteile die hier geliefert wurden) ist doch albern, vielleicht sollte man den Blick mal darauf lenken warum man überhaupt so schwer gut träumt.

    Deine Liste ist so arm, weil sie sich bloß um Produktion und Reproduktion dreht und das im engsten Sinne. Und auch noch behauptest die liste sei insofern inhaltlich erschöpfend, dass „alles andere“ „verkürzend“ sei. So ein Leben wird schon heute gemacht, deine ganze Kritik und Träumerei reduziert sich am Ende dann eben doch darauf, bloß zu behaupten, das ganze müsse „unter anderen bedingungen“ gemacht werden. die gleichen geschichten kann ich mir auch bei den christen abholen: das leben ist arbeit, familie und ein bisschen freizeit, (den sex lassen die natürlich weg, ob das unter diesen bedingungen gut oder schlecht ist, soll jeder selbst beurteilen), nur die bedingungen sind bisschen doof, ein bisschen mehr gemeinschaftsgefühl hier, kreativität dort und einen schwank liebe, dann passt das schon.

  11. 11 lol 26. Juli 2010 um 21:39 Uhr

    „Sie bestimmt nur angedeutet den realen Gehalt dessen, was lebens-noetig ist, vor dem man sich _poetisch_ weltfremd aber gerne gerne drueckt.“

    ja „was lebensnoetig“ ist, warum sollte darin aber eine zukünftige gesellschaft aufgehen? was lebensnoetig ist, lässt sich auch im kapitalismus für die absolute mehrheit der weltbevölkerung zur verfügung stellen.

    allein der film das große fressen liefert 100 bessere ideen, was man mit der freien zeit anfangen kann. aber das ist ja wahrscheinlich „dekadent_weltfremd“, genau wie der wunsch sein leben nicht zwischen waschmaschienen, kleinkindern und langweiligen künstlern verbringen zu wollen. bei solchen aussichten bleibe ich liebe hier und saufe mich vorm fernsehr tot bevor ich 40 werde.

  12. 12 Matze Schmidt 27. Juli 2010 um 12:22 Uhr

    „Denn die Qualität der Dinge ist dir gar keine Frage“ usw. sind Unterstellungen, vermutlich um sich pubertaer selbst zu bestaetigen(?). Ich finde es muessig hier weiter zu debattieren, zumal unter diesen tribunalistischen Bedingungen und in diesem Bloganpisswochenendtipperstil, ekelhaft. Nur noch zu „lässt sich auch im kapitalismus für die absolute mehrheit der weltbevölkerung zur verfügung stellen“: — eben — den immernoch haupts. tayloristischen Kaplism nehmen und verlassend wandeln, das erscheint ja ohnehin als die Schnittmenge hier auf diesen Seiten, nur geht diese in der Anbruellerei unter. Dazu noch: Asger Jorns Ansatz ist da problematisch, weil er den Kunstbegriff des Unzweckmaeszigen retten will (http://www.si-revue.de/das-ende-der-%C3%B6konomie-und-die-verwirklichung-der-kunst).

  13. 13 Matze Schmidt 27. Juli 2010 um 12:48 Uhr

    Ergaenzung: lol vertritt offenbar (und agressiv) einen Maximalismus und erkennt den voluntaristischen Charakter und damit die momentane (2010) Unmoeglichkeit der Umsetzung solcher ‚Forderungen,‘ wie in „Für assoziationistische Sessions“ eingetragen, nicht. Der Satze „spielerische(…) Erprobung
    audibler Herstellungsweisen“ sagt doch genug darueber aus, dass solcherelei Forderungen illusorisch sind, weil von Sozialdemokraten laengst umgesetzt („Kultur fuer alle“) aber im Niedergang begriffen aufgrund der inhaerenten Dauerkrise, und, dass Konsum und Produktion hier bereits zusammen gedacht sind. Diese Haltung des tippenden Gerichthaltens erinnert mich an die maennlichen angry young man-Attitueden der Wuetenden von 1968, die im Duktus des Brutalen zwar klarsichtig aber jakobinisch wurden… Terreur am Keyboard? Es geht aber hier solchen Blog-Figuren wenn theoretisch, dann ums boshafte personalistische auf d. Autor fixierte Tippen und Auskotzen. Das respektiere ich.

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