Public Viewing in Duisburg, a summer festival of Integrated Spectacle

Vorbemerkung: Ein Text von Zwi(BBZN). Ich(Robert) persönlich interessiere mich überhaupt nicht für Politik und verstehe davon auch nix, aber ich finde es sinnvoll, dass andere sich damit beschäftigen. Weil das nicht nur für Politik sondern für mannigfache Themen gilt, werde ich in Zukunft versuchen dieses Blog in eine kollektivere Form zu überführen. Mich stört auch schon lange der lächerliche Dünkel der meisten Blogger, die ihren Webspace alleine gegen die ganze Welt verteidigen. So soll das hier nicht werden. Das ist eine Einladung: Bitte melden Sie sich bei kriegstheater AT gmx PUNKT de, wenn Sie dabei sein wollen. Jetzt der Text.

“Public Viewing” kommt aus dem Englischen, wo es nichts anderes heißt als eine öffentliche Totenschau. Die Leiche des soeben Verstorbenen wird durch einen amtlichen Beschauer ausgestellt. Das hatten die deutschen Wangenfarben-Volkssstaatsjubler der WM ignoriert, jetzt wird es ihrer halluzinatorisch euphorisierten Party Generation heimgeleuchtet.

Duisburg 24.Juli 2010: Das Spektakel in deutscher, d.h. volksstaatlicher Form kommt weiter zu sich selbst, es ist keine bloße spaßgesellschaftliche Medien-Event-Kultur – die es auch immer ist – sondern bereits an der Erscheinungsoberfläche blutige, menschenverachtend grausame politische Ökonomie. Hier bündeln sich wie in einem Brennglas Krisenmomente des kapitalistischen Stadiums 2010.

Die abgehalfterte Ruhrgebiets-Stadt, der finanziell das Wasser bis zum Hals steht, reißt sich um den Verkauf der Ware „Kulturhauptstadt“ & erhascht deshalb in völlig normal-ökonomischem Kalkül (aber unter Ausschaltung des gesunden Menschenverstands) die risikobeladene Massensogveranstaltung und trifft 3 Tage vor dem sämtliche Kapazitäten absehbar überfrachtenden Event ein paar formale Sicherungsvorbereitungen, die den vielfachen rechtzeitigen Warnungen der Profis ins Gesicht schlagen. 1 Nadelöhr-Ein+Ausgang für absehbar mehr als eine Million Zudrängende etc. etc. etc. Das ist realitatsverdrängende Menschenverachtung von BP-Format. Übrigens haben sich die zahlreichen Warnenden (Feuerwehr, Polizeigewerkschaft, Panikforscher & andere „Experten“) nicht minder sondern sogar noch mehr schuldig gemacht, weil sie nicht angemessen Lärm geschlagen & nicht die Öffentlichkeit mobilisiert haben, trotz ihres sehenden Auges; jetzt schöpfen sie den moralischen Mehrwert ab als die „Besserwisser“ & „Rechthaber“. Diese feigen Versager vor der Macht der ökonomischen Sachzwänge + der politischen Entscheidungsebene haben eigentlich logisch die Hauptverantwortung für die Toten & Zertrampelten. Natürlich – gemessen an ihrem angeblichen Selbstauftrag – haben die Kirchen die größte Schuld, wenn man nicht in Rechnung stellt, dass sie es selbstverständlich auf die Toten / das Jenseits und nicht auf das Diesseits der Lebenden abgesehen haben; jetzt können sich die Seelsorger prima ins Rampenlicht setzen. Ebenso wie alle Hilfsorganisationen, die so tun als hätten sie nichts geahnt & wären >em>notwendig völlig unvorbereitet & überfordert gewesen. Tatsächlich haben sie sich ja genau auch nach der Devise verhalten: „Es wird schon gutgehn, toi toi toi.“ Auch hier sind deren eng ökonomischen Gründe die Basis ihrer „Ohnmacht“. All diese vorsorglichen und nachträglichen Mahner und Helfer sind es, die am meisten versagt haben. Das ist aber genau die same old story der deutschen Geschichte: erst haben es viele vorhergesehen, „konnten aber ja nichts machen“, dann machen alle mit und trampeln über die unten Liegenden hinweg zum Hauptevent, danach lamentieren sie alle und sind alle Opfer.

Die Bourgeoisie bleibt selbstverstaendlich Bourgeoisie, sie geht das Ganze ja nichts an, und macht ohne irgendeinen Personalwechsel ökonomisch nach der „Stunde Null“ weiter so, während die politische Klasse zunächst schaut, wie lange sie die „Sache“ aussitzen kann, was sie auch kann. Einige müssen dann später doch über die Klinge springen, einige haben das sinkende Schiff rechtzeitig vorher verlassen. Übrigens haben einzig die bösen Kapitalisten – die Veranstalter des Events – minimalen Takt & Stil & Pietät bewiesen, indem sie ihr ökonomisches Kalkül einstweilen als Verzichterklärung weiterer Festivals in der Zukunft verkauft haben. Zumindest auf der Pressekonferenz am Tag darauf. Die wirklichen, ökonomischen Gründe liegen ja alle auf der Hand, weshalb niemand an eine Einhaltung dieser Versicherung glauben muss. Aber immerhin. Das moralisch-kulturelle Erbe scheint immer noch bei der Bourgeoisie selbst zuhause.

Die besorgten Politikberater stellen 1 Woche nach dem erbärmlichen Versagen der Duisburger „Pressekonferenz“ (3 Affen die nichts sahen, nichts hörten und nichts sagten) fest, wie heruntergekommen ihre politische Klasse in der BRD ohnehin inzwischen ist, „welch merkwuerdige Situation des Politikerverhaltens“ und „wie das unserer Demokratie schadet!“. Denn 2010 brachte eine Kette von Politiker-Rücktritten einerseits, nun das „unfassbare“ bereits einwöchige Aussitzen des Bürgermeisters Sauerland andererseits. Politikberater sind in Sorge. „Die einen fliehen die Verantwortung – die anderen übernehmen die Verantwortung nicht.“ Das Spektakel der „Politiker-Verantwortung“ fliegt wieder mal ein bisschen auf (Remember the Hitler: „Die Verantwortung übernehme ich.“)

Der Volksmob regt sich nur deshalb auf, weil er die Verantwortung schön infantil „den Politikern“ anvertraut wissen will, um weiter Brot & Spiele am Weekend zu „genießen“. Kulturpolitiker sollen ihm Festivals und Spaß organisieren, am besten als das bekannte Public Viewing oder als Pillenversorgung for free für die Party Generations, damit sie sich in der Woche mit mehr Spaß und Teamspirit ausbeuten lassen können. Dass die heruntergekommenen Parvenus der politischen Kaste hier einen neuen Offenbarungseid geleistet haben, lässt der Volksseele nun das Blut kochen und macht Hoffnung darauf, dass wenigstens mal eine derartige Figur gelyncht wird, dass sie den politisch-kommunal Amtsverantwortlichen kriegen, wenn auch nicht auf der Beerdigung seiner mindestens 20 Opfer, auf die er sich ja nicht wagen kann, sondern irgendwo anders, aber auch dazu wird der deutsche Mob zu unfähig weil zu feige sein, er lyncht und mordet eben nur mit obrigkeitlicher Erlaubnis, macht seine „Revolten“ immer nur auf Befehl. Wir werden erleben in nächster Zeit, wie er sein Mütchen kühlen wird an Minderheiten, die ihm von derselben spektakulären Medien-Obrigkeit präskribiert werden. Oder gegen „Die Großen Tiere“ außerhalb des Heiligen Deutschlands, gegen „die Weltfinanz“ etc. wie gehabt. Insofern liegt das Krisenmoment dieses Kulturspektakels auf der Linie des gerade abgelaufenen WM-Events. Es ist eine Art Katzenjammer-Zuspitzung. Wir werden jetzt Zeugen einer mehr oder weniger geschickten, jedenfalls medial-routinierten politischen Ausnutzung dieses politischen Kränkungseffekts der eben noch brülljubelnden deutschen Volksgemeinschaftsseele werden, deren vorübergehende Kränkung auf „unpolitischem“ Terrain – im Stadion diesmal als Techno ohne schwarz rot goldene Wangenfarben – in Kürze wieder in die politische Rausch-Euphorie zurückmanipuliert werden wird. Die Naiven, Empörten, die jetzt den erbärmlichen, harmlosen Sauerland zur Verantwortung ziehen möchten (an der Laterne), wollen nicht wahrhaben, dass „es Demokratie bzw. Rechtsstaat genau seit der Zeit schon tendenziell nicht mehr gibt, seitdem man dauernd über sie redet“, und dass im Integrierten Spektakulären Ökonomie/Kapital mit Politik/Staat tendenziell schon völlig verschmolzen sind (so sinngemäß 1988 Debord in: Kommentare zur Gesellschaft des Spektakels).

Dass der eine Politiker seinen Job schmeißt (Ole von Boist, Roland Koch, Bundespräsident Köhler) und der andere ihn aussitzt (Sauerland) hat weder mit der allerdings dadurch krass missachteten „Verantwortung“ oder mit der Formatlosigkeit und Unprofessionalität oder persönlichen Macken dieser Charaktermasken-Chargen zu tun, sondern sie sind einfach nüchtern ökonomisch begründet: während die Proletarisierten gerade ihre Lebensarbeitszeit auf 67 Jahre erhöht bekommen, haben Ministerpräsidenten sie auf 55 Jahre Pensionsalter runtergenommen bekommen, deshalb hat Ole von Boist für seine Kündigung der für die persönlichen Wähler übernommenen „Verantwortung“ genau die Altersgrenze abgewartet; Roland Koch bekommt nun dafür mehr als 7000 € Pension / Monat, während er direkt in die Wirtschaft geht, weil seine politische Karriere absehbar blockiert war; über den obersten Verzichts- & Kriegsprediger Köhler braucht man kein Wort zu verlieren. Der kleine CDU-Berufsschullehrer Sauerland in Duisburg könnte bei seinem Rücktritt einfach wieder in den Schuldienst zurückgehen, klammert sich jedoch an sein Bürgermeisteramt wegen der Bezüge, d.h. er behandelt die 20 Toten, für die er die Verantwortung hat, als administratives Problemchen, um 300 € mehr Pension zu retten. Zudem ist die Rechtsberatung klar, sie sagt: Auf gar keinen Fall etwas schuldhaft zugeben jetzt, denn sonst kommen riesige Regress-Ansprüche auf die Stadt zu, und das ist deine Verantwortung, lieber Sauerland.

Das gerät natürlich in einen moralisch-politischen Widerspruch zum Image und zur Legitimation der Politik. Eine Krise der politischen Kaste kommt hier vor allem zutage als Verschleiß ihres qualifizierten Personals, auf das schon grundsätzlich Karl Marx hingewiesen hat: „Die Herrschaftsbefähigung einer Ausbeuterklasse steht und fällt damit, ob und wie sie ihr politisches Personal aus den Reihen der beherrschten Klassen durch fähige Aufsteiger auffüllen kann.“ (sinngemäß zitiert). Deshalb macht Duisburg den Politikexperten jetzt ein wenig Sorge. Denn wie sollen sie fähigen Aufsteigernachwuchs rekrutieren, wenn sie die Massen so systematisch verblöden, wie es in der deutschen Kampagnenpolitik und politischen Eventkultur so deutlich zutagetritt. Auch dieses Dilemma wird von den Kirchen missbraucht: der kürzliche Rücktritt der Bischöffin Kaesmann wegen einer Alkoholfahrt machte diese zum Vorbild nicht nur für die gläubigen deutschen Massen: sie ist jetzt populärer denn je, ihre Bücher verkaufen sich zu Hunderttausenden, und sie hat eine glänzende Ämterkarriere vor sich. Die christlich-germanische „Revolte“, ein neuer „Aufstand der Anständigen“ wird also unter maßgeblicher
Mitwirkung der Pfaffen, dieses wichtigen Teils des deutschen Volksstaats, die spontane Folge der spektakulären Erregung von Duisburg sein. Aber diese bisherige Einschätzung nimmt nur am herrschenden Zynismus teil, solange sie nicht einmal ausspricht, was Communistoiden hier tatsächlich das Blut kochen lässt. Das bisschen fragwürdigen Spaß, besser Lebensfreude die versucht/aufgesucht wird im elenden, langweiligen Überleben dieses Lohnsklaven-Alltags – dass das dieser spektakulären Menschenverachtung ausgeliefert wird. Und dass die Vermobbung sich dann ebenso eskalieren kann und muss, wenn die Selbst-Halluzinierung so hochgetrieben werden kann, wie sie dann demnächst wieder in den Krieg und die Menschenvernichtung umschlagen wird, die sich im Gebrüll der deutschen Bestie während des WM-Sommers schon so „harmlos“ angekündigt hat: „für Deutschland“ trampeln diese vermobbten Idioten dann gut und gerne ihresgleichen platt, um beim „Hauptevent“ dabei zu sein.


5 Antworten auf „Public Viewing in Duisburg, a summer festival of Integrated Spectacle“


  1. 1 aergernis 01. August 2010 um 12:33 Uhr

    Kann mir jemand erklären was das Tottrampeln von Menschen bei einer Massenpanik mit dem Nationalsozialismus zu tun hat? Außer einer Analogisierung durch das Hitlerzitat tut der Text das nicht.

  2. 2 apfelpferd 04. August 2010 um 22:58 Uhr

    apropos neuer aufstand der anständigen:
    http://www.deutschland-geht-auf-die-strasse.info/

    @aergernis: braucht niemand erklären, weil aus dem tottrampeln auch nichts behauptet wurde.

  3. 3 pferdeapfelmännchen 11. September 2010 um 0:46 Uhr

    kleine anmerkung:
    die meisten drogenkonsument*innen, die ich kenne, erholen sich montags-freitags während der lohnarbeit oder melden sich „krank“ um am wochenende wieder leistungsfähig zu sein.
    außerdem könnte doch seit den kommentaren von e.hermann und j.elsässer zu loveparade &/| iran &| drogenkonsum ein etwas weniger moralischer bzw. differenzierterer umgang wichtig sein?

  1. 1 Die Loveparade noch schändlicher machen « K’s Kriegstheater Pingback am 09. August 2010 um 16:41 Uhr
  2. 2 Die Loveparade noch schändlicher machen « meta . ©® . com Pingback am 10. September 2010 um 1:26 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.



Abonnieren Sie den
Kriegstheater RSS-Feed.
Dann sind Sie mühelos
immer auf dem
Laufenden.
   

Datenschutzerklärung