Die Loveparade noch schändlicher machen

von Zwi(BBZN)

„Kann mir jemand erklären was das Tottrampeln von Menschen bei einer Massenpanik mit dem Nationalsozialismus zu tun hat? Außer einer Analogisierung durch das Hitlerzitat tut der Text das nicht.“
- aergernis in Bezugnahme auf Zwis vorherigen Text

Da offensichtlich keine_r es erklären kann, muss ich es selber versuchen. Bei der Deutung der Duisburger „Massenpanik“-Episode als deutsch-spektakulärem „Public Viewing“ auf der Kontinuitätslinie NS 1936/1939-45 – BRD 1999 — WM 2006/2010 — BRD 20..? handelt es sich nicht um eine Analogie, die Gefahr die darin liegt und die du wohl wahrgenommen hast, wäre, dass ein Analogieschluss gemacht würde zwischen NS-Massenvehalten und Love-Parade-Massenverhalten in diesem konkreten Fall. Vor dem Analogieschluss muss ich mich tatsächlich hüten. Es ist aber noch nichtmal eine Analogie sondern eine historische Homologie, bei der erst recht kein Analogieschluss möglich ist. Ich halte zwar fest an dieser Homologie von Massenpsychologie der volksgemeinschaftlichen Formierung in Deutschland (1933 -36 „friedlich“, 1939 – 45 kriegerisch) und der postnazistischen Formierung in derselben deutschen Besonderheit : BRD-Krieg gegen Jugoslawien 1999 mit seiner damals noch verblüffenden Atmosphäre der totalen Kriegsunterstützung seitens der deutschen Bevölkerung, auch seitens der Linken, von verschwindenden – antideutschen – Ausnahmen abgesehen; Kampagnen-Abfolge seitdem: „Du bist Deutschland“ usw. gipfelnd 2006 in dem spassgesellschaftlich-schwarzrotgoldenen WM-Massentaumel „Deutschland steht auf“ einschliesslich SportfreundeStiller usw., der wiederum weiteste Teile der Linken erfasste und deren gemäßigt antideutschen Segmente seitdem in „post-antideutsche“ „Antinationale“ als „radikale, kritische“ Begleiter eines angeblich geläuterten, staatsantifaschistischen Deutschland-in-der-Welt verwandelt hat, die gleichzeitig als Rackets im Verbund mit loveparade-artigen und fußballfanclubverbundenen Polit-Apparaten auftreten; letzteres ausgestattet mit der antiEmp-Ideologie von den Aktivist_innen , welche die Multitude „biopolitisch koordinieren“ sollen zur „vollständigen und absoluten Demokratie“, d.h. totalisierten Staatlichkeit der einander bewachenden „Singularitäten“ , dies wiederum in der deutschen Besonderheit seit ca 2009 dreist als „Links-Heideggerianismus“ auftretend, d.h. als „Entschlosssenheit zum Sein“, das seinen Grund und seine Eigentlichkeit erneut im Volksstaat erweist, in dem sich die unio mystica des Einzelnen mit dem kosmischen und gemeinschaftlichen Ganzen vollziehe, wobei dies poststrukturalistisch auf links neuformuliert (Badiou) sogar „die Idee des Kommunismus“ rekuperiert und dieser (bei aller Beschwörung des halbierten Lenin von Hardt/Negri bis Zizek) nur noch die Führerfigur fehlt, in der laut Heidegger das alles verkörpert ist und zu sich kommt – in dieser Homologie findet sich die Massenpsychologie der Duisburger Love-Parade als a lightening moment.

Alle massenpsychologischen Wesenszeichen treffen hier zu, wie sie S.Freud, S.Kracauer, W.Benjamin, Th.W.Adorno herausgearbeitet haben in Analysen, die zugleich erste Pionierarbeiten für die Kritik der Gesellschaft des Spektakels sind (ohne dass sie schon diesen Begriff selbst entwickelt hätten, sondern sie zeigen das Katastrophische dieser entfremdeten modernen Gesellschaftlichkeit communismus-orientiert als „Inszenierung, Suggestion, Hypnose“ und verkehrte Reflexion/Spiegelung in der fetischistischen Massenpsychologie auf). Ebenso erfüllt die Form der Love-Parade usw. genau die totalitäre pseudokommunistische Regressionsgemeinschaft, welche Hardt&Negri in „Multitude“ so formulieren: „Diese Singularitäten handeln freilich gemeinsam und bilden damit einen neuen Menschentypus, d.h. eine politisch koordinierte Subjektivität, die von der Multitude geschaffen wird. Die grundlegende Entscheidung, die von der Multitude getroffen wird, ist diejenige, eine neue Menschheit zu schaffen. Wenn man Liebe politisch begreift, dann ist diese Schaffung einer neuen Menschheit der höchste Akt der Liebe.“

Das einzige missing link zwischen den NS-deutschen Spektakelformen und den antiEmp-Anweisungen bzw. ihrem ambivalenten Substrat in der postnazistischen Gesellschaft heute – eben loveparades, tekkno-Parties, antiGlobo-Karavanen und Reclaim-the-Streets-Karnevals etc. etc. sowie der massenmobilisierenden Eventkultur des Integrierten Spektakels gerade auch in ihren apparatekoordinierten linkspolitischen Formen – scheint mir das Obsoletgewordensein der Vermittlungsfigur „des Führers“ . Aber ich denke, dieses Totem der „Multitude“ ist bereits das neue „Massen-Ich“, von dem S.Freud und Adorno sprachen, als es sich noch in der Führerfigur personifizierte, während die heutige „Ichgemeinsamkeit“ (S.Freud) im Wir der „party people“, der tekkno-Community etc. einstweilen suspendiert und auf der Lauer erscheint. Ich habe hier – was die spezifische deutsche Nicht-Harmlosigkeit und transgenerationelle Kontinuität betrifft, die Bringschuld gegenüber deiner berechtigten Frage, das stimmt. Aber ich möchte das nicht alleine „erledigen“, wenn ich auf das Studium der eben erwähnten Spektakelkritiker verweise, als meinen sehr sehr soliden Beleg! Als da sind: Siegfried Kracauer: Das Ornament der Masse (1927). W.Benjamin: Pariser Brief I. André Gide und sein neuer Gegner. (1936) Georg Lukács: Schicksalswende. (1944) Adorno: Die Struktur der faschistischen Propaganda. (1950).

An anderem Ort und zu anderer Zeit die Belege aus diesen Texten im einzelnen, um die deutsche Besonderheit dieses Massenverhaltens zu kennzeichnen, auf der ich , was seiner Kontinuität bis Duisburg 2010 betrifft, hier erstmal versichernd insistieren möchte. PARADE ist genau die treffende Selbstkennzeichnung, die im Verlauf dieses Friedensspektakels zum Kriegsspektakel zu sich kommen wird, wenn jenes in dieses wieder mal umschlägt.
Überigens ist die „Panik“ nicht Ursache sondern Folge des Massenverhaltens hier gewesen. Es geht auch keinesfalls darum diese Menschen, entfremdete Partikulare, als Opfer des verkehrten Ganzen zu beschimpfen. Immerhin muss ihnen = uns! Ins Gesicht gesehen werden.

Ein anderer Blogger hat neulich gekennzeichnet:
„augenscheinlich völlig druffe raver brüllen: party … jede einstellung (in den medien) … scheint nur einen einzigen zweck zu haben: die menschen als das enthirnte schlachtvieh zu präsentieren, das sich durch tunel treiben lässt und dabei in panik gerät. Die ständige betonung, dass diese jungen menschen nur ‚friedlich nd ausgelassen feiern wollten‘, verstärkt den eindruck noch: pikiert und angeekelt sieht der zuschauer menschen sterben und danach diejengen, die einfach zusehen wie menschen sterben. Dass das spektakel, hier eben in der form der love parade, in einer mischung aus gleichgültigkeit, unverstand und profilsucht die menschen ganz praktisch zu schlachtvieh reduziert und diese menschen das auch mit sich machen lassen, um endlich mal nichts zu hören ausser dem pochen eines 1millionen menschenherzens, endlich mal atomisiert, vermasst zu sein und nicht immer nur massenhaft alleine.“

Die Schande durch ihre Reflexion noch schändlicher machen.





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