Archiv für November 2010

Anmerkung zu Guy Debord „Die Gesellschaft des Spektakels“ – These II

Im Vergleich zu den frühen Avantgarden, die mit dem Konzept von geistiger Imagination gegen die rein positivistisch-materialistische Weltanschauung vorgegangen waren, hatte die S.I. sich damit befasst, die mit Hilfe der Abstraktion geführte Verdinglichung jeglicher Lebenssphären zu dekonstruieren und sie wieder mit der gelebten Realität zu vereinen. In „Die Gesellschaft des Spektakels“ schreibt Debord in §2:

„Die Bilder, die sich von jedem Aspekt des Lebens abgetrennt haben, verschmelzen in einem gemeinsamen Lauf, in dem die Einheit dieses Lebens nicht wiederhergestellt werden kann. Die teilweise betrachtete Realität entfaltet sich in ihrer eigenen allgemeinen Einheit als abgesonderte Pseudo-Welt, Objekt der bloßen Kontemplation. Die Spezialisierung der Bilder der Welt findet sich vollendet in der autonom gewordenen Welt des Bildes wieder, in der sich das Verlogene selbst belogen hat. Das Spektakel überhaupt ist, als konkrete Verkehrung des Lebens, die eigenständige Bewegung des Unlebendigen.“

Ohne der praktischen Erprobung durch die Erfahrung des Subjekts im Alltag werden die herausgestellten Aspekte des Lebens zu Projektionen, die beliebig mit Bedeutung gefüllt werden können. Bei Slavoj Žižek findet sich ein besonders einfaches Beispiel aus der heutigen Zeit, dass ich zur Veranschaulichung der These der S.I. heranziehen möchte. Žižek führt uns das Bild eines Konsumenten im Supermarkt vor Augen, der vor einer riesigen Auswahl an Kaffeesorten steht und ohne sie je probiert zu haben im voraus weiß, welcher Kaffee der Gute ist. Dabei haben die Werbebranche und die Produktdesigner das Bild von einem guten Kaffee konstruiert und als stellvertretende Experten der Kaffeeproduzenten die Urteilskriterien für dessen Qualität festgelegt. In der Überforderung der scheinbaren Vielzahl des Angebots und der Gewohnheit auf Spezialisten zu vertrauen, versucht der Konsument gar nicht erst über die eigene sinnliche Erfahrung zu einem eigenen Urteil zu kommen und festzustellen, dass seine Wahlmöglichkeiten gar nicht so groß sind, wie er angenommen hatte und daraus zu dem Schluss zu kommen, seinen Radius selbst erweitern zu wollen.

(aus einer Hausarbeit über die Situationistische Internationale)

1. Bemerkungen

Das Beispiel ist relativ banal. Eher schon interessant wäre ein Beispiel wie etwa Freundschaft. Die Tatsache dass wir unseren Kaffee nicht selbst wählen ist mir relativ egal. Im Gegensatz dazu ist die Erkenntnis, dass uns eine Erfahrung selbstbewusster menschlicher Beziehungen abgeht, mir unerträglich. Der Autor legt es aber auch gar nicht darauf an eine Unerträglichkeit aufzuzeigen. Hier wird die akademische Sitte offenbar alles mögliche Beliebige einfach zu beschreiben, und sich nicht persönlich zu den Gegenständen zu verhalten (eine Sitte, die der Text in seinem weiteren Verlauf selbst trefflich darstellt).

Entsprechend ist hier ein gravierender Mangel an Dialektik zu diagnostizieren (Žižek eben). Debord mit Žižeks Vokabular zu beschreiben ist wie die allgemeine Relativitätstheorie mittels der Grundrechenarten erklären zu wollen. „Die ‚Dialektik der Aufklärung‘ werd ich jetzt wohl nicht mehr schaffen, weil ich Montag abgeben muss.“

2. Gesellschaftliche Durchformtheit der Erfahrung

Es gibt schon seit jeher keine reine sinnliche Erfahrung. Seit Anbeginn der Menschheit ist die Sinnlichkeit gesellschaftlich geformt. Allein schon durch die Sprache und damit einhergehende Vorurteile. Gerade in primitiven Gesellschaften, denen Prosituationisten gerne einen Zugang zur unmittelbar sinnlichen Erfahrung bescheinigen, ist das Handeln im wesentlichen bestimmt durch Rituale und Taboos. Die neue Qualität in der Gesellschaft des Spektakels ist vielmehr die Eindimensionalität und Eindeutigkeit der Bilder die das Handeln repräsentieren und bestimmen. Das meint Debord indem er die Bewohner dieser Gesellschaft „technologische Pseudobauern“ nennt. „Pseudo-“ weil sie das „Gesetz“(Hegel) nicht mehr leben und verinnerlichen, sondern nur noch imitieren.

Die S.I. hat allerdings nicht versucht, diese Entwicklung rückgängig zu machen, und etwa alle Kaffeesorten selbst zu probieren, sondern darüber hinauszugehen. Durch eine Kritik und Zweckentfremdung der Bilder. Die Wieder-Vereinigung jeglicher Lebenssphären „mitin der gelebten Realität“ ist nur eine vermittelte, vermittelt durch die Macht der Räte, als „Kontrolle“/bewusste Planung(nastysounding I know) der Bilderproduktion.



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