Archiv der Kategorie 'Strategisches'

Anmerkung zu Guy Debord „Die Gesellschaft des Spektakels“ – These II

Im Vergleich zu den frühen Avantgarden, die mit dem Konzept von geistiger Imagination gegen die rein positivistisch-materialistische Weltanschauung vorgegangen waren, hatte die S.I. sich damit befasst, die mit Hilfe der Abstraktion geführte Verdinglichung jeglicher Lebenssphären zu dekonstruieren und sie wieder mit der gelebten Realität zu vereinen. In „Die Gesellschaft des Spektakels“ schreibt Debord in §2:

„Die Bilder, die sich von jedem Aspekt des Lebens abgetrennt haben, verschmelzen in einem gemeinsamen Lauf, in dem die Einheit dieses Lebens nicht wiederhergestellt werden kann. Die teilweise betrachtete Realität entfaltet sich in ihrer eigenen allgemeinen Einheit als abgesonderte Pseudo-Welt, Objekt der bloßen Kontemplation. Die Spezialisierung der Bilder der Welt findet sich vollendet in der autonom gewordenen Welt des Bildes wieder, in der sich das Verlogene selbst belogen hat. Das Spektakel überhaupt ist, als konkrete Verkehrung des Lebens, die eigenständige Bewegung des Unlebendigen.“

Ohne der praktischen Erprobung durch die Erfahrung des Subjekts im Alltag werden die herausgestellten Aspekte des Lebens zu Projektionen, die beliebig mit Bedeutung gefüllt werden können. Bei Slavoj Žižek findet sich ein besonders einfaches Beispiel aus der heutigen Zeit, dass ich zur Veranschaulichung der These der S.I. heranziehen möchte. Žižek führt uns das Bild eines Konsumenten im Supermarkt vor Augen, der vor einer riesigen Auswahl an Kaffeesorten steht und ohne sie je probiert zu haben im voraus weiß, welcher Kaffee der Gute ist. Dabei haben die Werbebranche und die Produktdesigner das Bild von einem guten Kaffee konstruiert und als stellvertretende Experten der Kaffeeproduzenten die Urteilskriterien für dessen Qualität festgelegt. In der Überforderung der scheinbaren Vielzahl des Angebots und der Gewohnheit auf Spezialisten zu vertrauen, versucht der Konsument gar nicht erst über die eigene sinnliche Erfahrung zu einem eigenen Urteil zu kommen und festzustellen, dass seine Wahlmöglichkeiten gar nicht so groß sind, wie er angenommen hatte und daraus zu dem Schluss zu kommen, seinen Radius selbst erweitern zu wollen.

(aus einer Hausarbeit über die Situationistische Internationale)

1. Bemerkungen

Das Beispiel ist relativ banal. Eher schon interessant wäre ein Beispiel wie etwa Freundschaft. Die Tatsache dass wir unseren Kaffee nicht selbst wählen ist mir relativ egal. Im Gegensatz dazu ist die Erkenntnis, dass uns eine Erfahrung selbstbewusster menschlicher Beziehungen abgeht, mir unerträglich. Der Autor legt es aber auch gar nicht darauf an eine Unerträglichkeit aufzuzeigen. Hier wird die akademische Sitte offenbar alles mögliche Beliebige einfach zu beschreiben, und sich nicht persönlich zu den Gegenständen zu verhalten (eine Sitte, die der Text in seinem weiteren Verlauf selbst trefflich darstellt).

Entsprechend ist hier ein gravierender Mangel an Dialektik zu diagnostizieren (Žižek eben). Debord mit Žižeks Vokabular zu beschreiben ist wie die allgemeine Relativitätstheorie mittels der Grundrechenarten erklären zu wollen. „Die ‚Dialektik der Aufklärung‘ werd ich jetzt wohl nicht mehr schaffen, weil ich Montag abgeben muss.“

2. Gesellschaftliche Durchformtheit der Erfahrung

Es gibt schon seit jeher keine reine sinnliche Erfahrung. Seit Anbeginn der Menschheit ist die Sinnlichkeit gesellschaftlich geformt. Allein schon durch die Sprache und damit einhergehende Vorurteile. Gerade in primitiven Gesellschaften, denen Prosituationisten gerne einen Zugang zur unmittelbar sinnlichen Erfahrung bescheinigen, ist das Handeln im wesentlichen bestimmt durch Rituale und Taboos. Die neue Qualität in der Gesellschaft des Spektakels ist vielmehr die Eindimensionalität und Eindeutigkeit der Bilder die das Handeln repräsentieren und bestimmen. Das meint Debord indem er die Bewohner dieser Gesellschaft „technologische Pseudobauern“ nennt. „Pseudo-“ weil sie das „Gesetz“(Hegel) nicht mehr leben und verinnerlichen, sondern nur noch imitieren.

Die S.I. hat allerdings nicht versucht, diese Entwicklung rückgängig zu machen, und etwa alle Kaffeesorten selbst zu probieren, sondern darüber hinauszugehen. Durch eine Kritik und Zweckentfremdung der Bilder. Die Wieder-Vereinigung jeglicher Lebenssphären „mitin der gelebten Realität“ ist nur eine vermittelte, vermittelt durch die Macht der Räte, als „Kontrolle“/bewusste Planung(nastysounding I know) der Bilderproduktion.

Einführung in Walter Benjamins „Über den Begriff der Geschichte“

Die „Geschichtsthesen“ von Walter Benjamin sind ein rätselhaftes Werk, über das scheinbar niemand so richtig Klarheit gewinnen mag. Sie sind quasi sein letztes Wort, geschrieben im Malstrom der Faschisierung Europas, auf der Flucht vor den Deutschen. Sie sind vielleicht auch sein wichtigster Text und einer der wichtigsten, berüchtigtsten Texte überhaupt. Entsprechend wurden bereits tausende von Akademikern mit der Lösung des Rätsels beauftragt, die jetzt für einen Hungerlohn in großen Lesehallen sitzen und erwartungsgemäß viel Text produzieren aber sie wiederholen hauptsächlich nur längstbekannte Banalitäten. Verständlich auch, dass Sie sich schwertun, denn Benjamins Text richtet sich an communistische Revolutionäre und will auch nur von solchen verstanden werden.

Anselm Gramschnabel hat vor einiger Zeit einen Vortrag gehalten, der wirklich mal eine gelungene Einführung in Benjamins Thesen darstellt:

Vortrag:

(Download)

Diskussion:

(Download)

Den Text gibt es hier.

Das ist übrigens der Auftakt zu einer kleinen Reihe über Benjamin und die Geschichtsthesen, die ich mit Anselm geplant habe. Wir würden freuen uns über Kommentare, und werden die(Kommentare) dann in der genannten Reihe aufgreifen. Mehr dann bald.

DIY Mapping

Bin ich grade drauf gestoßen, „Resources and Ideas for Making Maps“:

http://makingmaps.net/

In den USA und Canada experimentieren anscheinend viele Leute mit „Psychogeographie“, zum Beispiel dieses Projekt finde ich seit langem bemerkenswert:

http://www.mappingpittsburgh.com/

Gibt es eigentlich ähnliche Sachen in Deutschland / Berlin?

Insight: Die richtige Situation

Alles ist schonmal gesagt worden, vielleicht. Es kommt aber nicht darauf an, ob irgendwas schonmal gesagt wurde, sondern es kommt darauf an, es in der richtigen Situation zu sagen!

Die richtige Situation

Manifest (Entwurf)

Es ist banal aber: Meine meisten Zeitgenossen sind gleichgeschaltete Primitivlinge. Sie reden ständig über Irgendwas über das gerade jeder redet, aber sie verstehen nichts von der Geschichte. Sie kennen nicht mal die oberflächliche „Kulturgeschichte“ ihres eigenen dummen Geschwätzes. Kein Wunder: Jede Woche eine neue grundlose Aufregung, man verliert den Überblick.

Man diskutiert...

Sie regen sich grundlos auf, weil sie nicht tatsächlich handeln. Sie sind höchstens Fan (sogenannter „Supporter“), liken etwas oder haten einen ausgewählten Star, Fußballclub, Nationalstaat, eine Firma, Marke, Musik, Naturkatastrophe, Antifagruppe, ein Buch, Sonstirgendwas.

Mir ist das egal. Aber mich stört, dass Alle so zu werden drohen. Meine Freunde, Ich. Alle, die nicht mitreden, vereinzeln. Das ist brutal.

Die Kommunikation wird unendlich erschwert durch die Allgegenwart des Geschwätzes. Man ermangelt der richtigen Worte. Worte, die eine Erfahrung bedeuten. Weil man auch keine Erfahrungen mehr macht. Man erfährt nur das Geschwätz. Man müsste ein Wörterbuch gegen die ganze Welt für sich selbst definieren. Anders gesagt: Man bräuchte eine absolut moderne Theorie, um selbstständig zu kommunizieren. Natürlich wird man die im Geschwätz enthaltenen nützlichen Informationen benutzen. Wenn man nicht eine solche Theorie sich erarbeitet, wird man selbst immer geschwätziger werden, oder ein kritischer Kritiker des Geschwätzes. Ein Anfang ist bereits gemacht: Die Psychoanalyse, Marx‘ Kritik der Politischen Ökonomie, die Spektakeltheorie uvm.

Passend zum Thema: http://www.si-revue.de/die-gefesselten-worte



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